Leben und politisches Wirken

Magda Langhans wurde am 16. Juli 1903 in Hamburg als Magda Kelm in eine Arbeiterfamilie hineingeboren und lebte mit sechs jüngeren Geschwistern erst in Hammerbrook. Später lebte sie auf dem Dulsberg, im Kattowitzer Weg, am Lämmersieth und in der Marienthaler Straße. Der Vater – der früh an Tuberkulose verstarb – war Kutscher, die Mutter Putzfrau. In zweiter Ehe heiratete diese einen Hafenarbeiter. Mit 18 Jahren trat Magda Langhans in die Gewerkschaft ein, mit 24 Jahren wurde sie Mitglied der KPD. Sie arbeitete als Küchenhilfe, in einer Weinhandlung und als Buchdruck-Anlegerin. 1930/31 studierte sie an der internationalen Leninschule in Moskau. Ihre erste und einzige Ehe mit dem Dekorationsmaler Heinrich Langhans, den sie nach ihrer Zeit im Zuchthaus 1940 heiratete und der 1978 starb, blieb ohne Kinder. Die Eheleute sollen partnerschaftlich miteinander umgegangen sein, wie „Pütt und Pann“1, berichtet ihre Weggefährtin Käthe Christiansen. Hein verrichtete selbstverständlich Hausarbeiten, Gäste sollen stets herzlich in der Zwei-Zimmer-Wohnung im Kattowitzer Weg empfangen worden sein.

Magda Langhans-Kelm war bereits von 1931 bis 1933 für die Fraktion der KPD Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft, die 21,86 Prozent aller Stimmen erhalten hatte und 26 Sitze einnahm. Am 24. April 1932 wurde die NSDAP zur stärksten Fraktion in der Bürgerschaft, konnte aber erst nach einer Koalition mit DStP, DNVP und DVP2 ab 1933 den Senat stellen. Die Verfolgung und Verhaftung der ersten KPD-Abgeordneten begann unmittelbar nach der Machtübernahme. An der Sitzung der Bürgerschaft am 8. März 1933 nach der Neubesetzung des Senats nahmen die KPD-Abgeordneten bereits nicht mehr teil. In einem Brief an den damaligen Bürgerschaftspräsidenten Herbert Ruscheweyh, SPD, schrieben sie unmittelbar vor der Sitzung: „Gegen die Funktionäre und Abgeordneten der KPD ist Haftbefehl ausgesprochen. Wir haben keine Veranlassung, unsere Abgeordneten freiwillig der faschistischen Diktatur auszuliefern und nehmen darum an der heutigen Sitzung nicht teil.“ Die Mandate der Bürgerschaft wurden von der NSDAP um die Sitze der KPD verringert, die KPD selbst verboten. Am 28. Juni 1933 kam die Bürgerschaft zu ihrer vorerst letzten Sitzung zusammen, von dieser waren auch die SPD-Abgeordneten ausgeschlossen worden. Auch die SPD wurde unmittelbar darauf verboten, etliche Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen waren ebenfalls festgenommen worden.

Drei Jahre vor ihrem Tod, 1984, schrieb Magda Langhans: „Ich habe noch im Februar 1933 vom Rathaus 2.000 Mark Diäten für unsere KPD-Abgeordneten abgeholt. Das Geld konnten wir dringend gebrauchen. Unsere illegal arbeitenden Genossen mussten doch leben und auch wegkommen können. … Wir haben noch am 1. Mai 1933 eine illegale Demonstration durch unseren Stadtteil gemacht. Da haben wir die Betten abgezogen und die roten Inletts aus den Fenstern hängen lassen. Erst als die SA kam, zogen wir uns zurück, um nicht unnötig die Genossen zu gefährden. Am 2. Mai besetzten die Faschisten unsere Wohnung. Aber ich konnte noch ein Jahr illegal weiterarbeiten, bis ich im Mai 1934 verhaftet wurde.“

Magda Langhans-Kelm war im antifaschistischem Widerstand dafür verantwortlich, dass die auch im Untergrund weiter verbreitete Zeitung der KPD, die „Rote Fahne“ und andere Flugblätter ihren Weg nach Hamburg fanden und unter die Bevölkerung gebracht wurden. Walter Hochmuth (*1904, †1979), Redakteur der Hamburger Volkszeitung, schrieb über Magda Langhans: „Im April (1934. K.A.) kam ich durch Magda Kelm wieder in Verbindung zur Bezirksleitung der KPD. Sie übergab mir eine auf Seidenpapier gedruckte Ausgabe der ,Roten Fahne‘, die einen Artikel über die bestialische Ermordung Willi Dolgners3 enthielt. Weiter erhielt ich von ihr Material, das ich zum bevorstehenden 1. Mai bearbeiten sollte.“

Zwischen 1933 und 1939 wurden in Hamburg etwa 8.500 Mitglieder der KPD verhaftet. Vorwurf: Vorbereitung zum Hochverrat. Magda Langhans-Kelm wurde umgehend im so genannten „Prozess Nr. 35“ aus der Serie „Lemke und Genossen“ angeklagt. Er hatte die Tätigkeit der Abteilung „Agitation und Propaganda“ der KPD-Bezirksleitung Wasserkante zum Inhalt. Langhans-Kelm wurde in der Anklageschrift beschuldigt, im Juni 1933 mit sieben Hamburger Funktionären in Kopenhagen eine nicht näher dargelegte Schulung durchgeführt zu haben. Ihr wurde außerdem „ständiger Kontakt mit der KPD-Landesleitung in Berlin und dem Emigrationszentrum in Kopenhagen“ vorgeworfen. Das Urteil für Magda Langhans-Kelm lautete: sechs Jahre Zuchthaus. Von 1934 bis 1940 saß sie im Frauengefängnis Lübeck-Lauerhof ein. Sie war die erste Frau, die aus politischen Gründen in Hamburg von den Nazis verurteilt und inhaftiert wurde. Noch heute ist Lauerhof ein Gefängnis, allerdings für Männer und das größte in Schleswig-Holstein mit fast 500 Plätzen.

Lucie Suhling (*1905,† 1981), Redaktionssekretärin der „Hamburger Volkszeitung“, hat zusammen mit Magda Langhans in diesem Zuchthaus eingesessen. Sie schrieb 1980: „Alle Politischen waren auf Station II untergebracht. Nach Hedwig Voegts Entlassung wurde Magda Kelm zu mir verlegt. Sie hatte in der Abteilung ,Agitation und Propaganda‘ der BL (Bezirksleitung der KPD. K.A.) gearbeitet und diese Tätigkeit auch nach 1933 fortgesetzt. Magda half den illegalen Betriebs- und Stadtteilgruppen bei der Herausgabe ihrer Kleinzeitungen und Flugblätter und hatte in Hamburg und Kopenhagen mit unseren Funktionären Schulungen durchgeführt, die das Rüstzeug für den politischen Kampf unter den Bedingungen der Hitler-Diktatur vermitteln sollten. Magda ging es wie mir: Auch ihr Mann, Hein Langhans, war von der Gestapo hinter Gitter gesteckt worden.“ Über die Bedingungen der Haft schreibt sie: „Von ihren Schikanen als SS-Wachtmeisterin (Gemeint ist die Zuchthauswärterin Sauerberg, deren Vorname nicht ermittelbar gewesen ist. K.A.) will ich weiter nicht berichten, aber erwähnen, wie sie uns außerdem zusetzte: Sie hob die Röcke unserer Kleidung hoch unter dem Vorwand, zu kontrollieren, ob unsere Hosen auch richtig verschlossen seien oder sie griff uns an die Brust, um – wie sie sagte – festzustellen, ob wir dort etwas versteckt hätten usw. Und wir mussten uns das gefallen lassen! Sie tat ja nur ihre ,Pflicht‘, aber das war es eben.“ Über die Zeit im Zuchthaus hat Magda Langhans nie erzählt.

Als Bürgerschaftsabgeordnete vor und nach dem Zweiten Weltkrieg war Magda Langhans in vielen parlamentarischen Ausschüssen aktiv und auch als frauenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion tätig. Zur Frauenpolitik der KPD schrieb der Historiker Holger Christier 1975: „Von der Meinung ausgehend, dass sich Frauen in der Vergangenheit in starkem Maß für reaktionäre Ideologien anfällig gezeigt hätten, wollte die KPD die politische Aufklärung und Aktivierung der Frauen intensiv betreiben. ,Die Frau muss politisch von uns gewonnen werden, damit sie nicht wieder als >unpolitischesGleicher Lohn für gleiche ArbeitÜberschwemmung der hamburgischen Justiz mit ehemaligen Pg< beklagte.“

Am 27. Februar 1946 traf sich die durch die britische Militärregierung Ernannte Bürgerschaft zu ihrer konstituierenden Sitzung. Der Frauenanteil betrug 16 Prozent, Magda Langhans war eine der 17 weiblichen Abgeordneten und sie wurde als erste Frau überhaupt in Hamburg in das Präsidium einer Bürgerschaft gewählt, und zwar als ihre zweite Vizepräsidentin. Magda Langhans sagte unmittelbar nach ihrer Wahl: „Es erfüllt mich mit besonderer Genugtuung, dass auch die neue Demokratie erkannt hat, dass die Frauen heute nicht mehr abseits stehen dürfen beim Neuaufbau unseres neuen Deutschlands.“

Nach den ersten freien Wahlen 1946 zog Magda Langhans erneut in die Bürgerschaft ein – die KPD errang 10,4 Prozent der Stimmen. Die kommunistische Fraktion umfasste vier Abgeordnete, stellte zusammen mit SPD und FDP unter Max Brauer, SPD, die Regierung und übernahm mit Friedrich „Fiete“ Dettmann (*1897 † 1970) die Gesundheitsverwaltung.

Magda Langhans wurde nicht müde, die Erinnerung an wichtige Aspekte der Geschichte in ihre tagesaktuelle Parlamentsarbeit einzubinden. So beantragte die KPD-Fraktion am 10. März 1948, von Magda Langhans initiiert, den 18. März zum gesetzlichen Feiertag zu erklären – im Gedenken an den Beginn der Revolution von 1848. Mehrheiten erhielt dann allerdings ein Abänderungsantrag der SPD, am 18. März lediglich eine staatliche Veranstaltung durchzuführen. Begründung: Die Militärregierung lege alle Feiertage fest. Das stimmte zwar, dennoch wäre eine Willenserklärung der Bürgerschaft möglich gewesen.

Am 10. März 1948 stand außerdem eine Anfrage von Magda Langhans zu dem Buch „Das letzte Kapitel“ auf der Tagesordnung der Bürgerschaft. Der SPIEGEL hatte in seiner Ausgabe vom 14. Februar 1948 berichtet, dass der Direktor des Hamburger Staatsarchivs, Kurt Detlev Möller, aufgrund des von ihm geschriebenen Buches beurlaubt worden sei. Es hatte immense Proteste in der Bevölkerung gegeben, weil in dem Werk die Rolle des Gauleiters und Reichsstatthalters Hamburgs, Karl Kaufmanns, verherrlicht worden wäre. So sprach der Autor ihm „neben nationalem ein ausgesprochen soziales Bewusstsein“ zu, nannte ihn „energiegeladen“, gestand ihm „Entschlusskraft und ein beachtliches Organisationstalent“ zu. Kaufmann sei „ganz zuletzt, für Deutschland zu spät, aber für Hamburg noch rechtzeitig zum Rebellen gegen den Führer und die Führung des Reiches geworden.“ Der SPIEGEL schrieb, dass ein Exemplar des Buches auf dem Schwarzmarkt mit bis zu 500 Reichsmark gehandelt würde. Hintergrund war die begrenzte Druckauflage. Gegenstand der Anfrage von Magda Langhans war die Rolle des Senats, dessen Wissen über die Drucklegung, das Manuskript und wer die Lieferung des nötigen Papiers für den Druck zur Verfügung gestellt habe. Und ob der Senat Möglichkeiten sähe, das Buch verbieten zu lassen. Der Senat antwortete, dass die Senatskanzlei angewiesen habe, dem Verlag „Hoffmann und Campe“ das Papier zur Verfügung zu stellen.

Am 5. Mai 1949 wurde die Anfrage von Magda Langhans in der Bürgerschaft besprochen. Magda Langhans schilderte in ihrer Rede, dass „Möller ein Förderer des Nazigeistes und ein großer Antisemit war“. Dennoch habe er den Auftrag der Senatskanzlei – entweder unter Bürgermeister Rudolf Petersen oder unter dessen Nachfolger Max Brauer – erhalten. Langhans prangerte an, dass Kaufmann „noch 1945 Greise und Gebrechliche zu Tausenden aus Hamburg zum Volkssturm (hatte) einziehen lassen“ und das Buch völlig unerwähnt gelassen hatte, „dass 7.955 Hamburger, davon 7.374 Juden, ihr Leben lassen mussten, weil sie sich für Deutschlands Freiheit einsetzten“. Aus dem Beitrag des nach Magda Langhans redenden sozialdemokratischen Abgeordneten Helmut Kalbitzer geht hervor, dass das Entnazifizierungsverfahren gegen Möller bereits zu seinen Gunsten entschieden worden war. Kalbitzer kritisierte, dass die Militärregierung aus formaljuristischen Gründen ein Wiederaufnahmeverfahren abgelehnt hatte.

Am 18. Mai 1949 fand in der Hamburgischen Bürgerschaft die namentliche Abstimmung zum Grundgesetz statt. Magda Langhans stimmte wie die gesamte KPD-Fraktion dagegen. Die Abgeordneten waren der Auffassung, dass ein einseitig erlassenes Grundgesetz die Einheit Deutschlands erschweren würde. Stattdessen sollte die Bürgerschaft die fünf Tage später stattfindende Außenministerkonferenz der vier Besatzungsmächte ersuchen, die politische, wirtschaftliche und kulturelle Einheit Deutschlands wiederherzustellen.

Im Zuge des beginnenden Kalten Krieges wurde Magda Langhans 1951 von der Alliierten Kontrollkommission die Herausgabe aller Veröffentlichungen für die Zeit von 90 Tagen verboten, berichtete das „Hamburger Abendblatt“ am 11. Juli 1951. Anlass war der nicht näher ermittelbare Vorwurf, das Ansehen der Besatzungsmacht geschädigt zu haben. Auch den kommunistischen Fraktionen in Hamburg und Bremen wurde verboten, ihr gemeinsames Organ „Norddeutsche Volksstimme“ herauszugeben.

50geburtstagZu ihrem 50. Geburtstag 1953 erhielt Magda Langhans ein Glückwunschschreiben ihrer Fraktion. Darin heißt es: „Fast zehn Jahre Deines kämpferischen Lebens hast Du in parlamentarischer Tätigkeit verbracht, als Sprecherin Deiner Klasse, hast die Tribüne des Parlaments in das Podium flammender Anklage gegen kapitalistische Willkür und Unterdrückung verwandelt. … Die ersten 50 Jahre Deines Daseins waren auch ausgefüllt mit Verfolgung, Qual und Einkerkerung. … Du warst als Kind der Arbeiterklasse nie auf Rosen gebettet, so mögen aber heute, an Deinem Ehrentag, die Rosen auf Deinem Tisch Kunde geben von der Anerkennung und Verehrung Deiner politischen Freunde für Deine Treue und Standhaftigkeit in den Reihen unserer stolzen Partei!“

Ihre letzte Rede in der Bürgerschaft hielt Magda Langhans auf der 14. Sitzung im Jahr 1953 zur Ausbildung in Erster Hilfe beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) für Lehrkräfte. Es ist ein kurzer Beitrag, in dem sie Vermutungen anstellt, der Abgeordnete Gerhard Schubert, Deutsche Partei, würde das DRK pushen wollen, um den Arbeiter-Samariter-Bund zu schwächen. Wie der SPD-Redner Lois Sellmer sprach sich auch Magda Langhans dagegen aus, dass das DRK als alleinige ausbildende Institution fungiert.

Über ihr Wirken in der illegalen KPD nach 1956 ist wissentlich nichts dokumentiert. Nach Angaben ihres Neffen soll sie aber nicht in Hamburg, sondern unter anderem in Baden-Württemberg für die Partei gearbeitet haben.

Anlässlich ihres 65. Geburtstages am 16. Juli 1968 schrieben Weggefährten in einer Grußbotschaft: „Als Abgeordnete der KPD in der Bürgerschaft und Kommunalpolitikerin erwarb sie sich sehr rasch das Vertrauen der werktätigen Bevölkerung. Insbesondere nahm sie sich der Nöte der Frauen und Kinder an. Und auch als Vizepräsidentin der Hamburger Bürgerschaft und später als Schriftführerin wurde sie überall geachtet, weil sie sich stets für die Belange der einfachen Menschen einsetzte.“

Sie war Mitbegründern der Deutschen Kommunistischen Partei, als diese am 25. September 1968 gegründet wurde. Der Mitgliederbestand wies eine Zahl von 9.000 aus. Auf Wikipedia ist hierzu nachzulesen: „Der Gründung der DKP ging im Juli 1968 ein Gespräch von zwei Funktionären der KPD mit dem Justizminister Gustav Heinemann der regierenden Großen Koalition voraus, in dem dieser eine Wiederzulassung der KPD ablehnte und die Gründung einer neuen Partei als den Weg für eine Legalisierung der politischen Arbeit von Kommunisten in der Bundesrepublik empfahl.“

todesanzeigeMagda Langhans lebte zuletzt sehr zurückgezogen. Drei Todesanzeigen erschienen im Jahr 1987, die darüber informierten, dass Magda Langhans am 16. Januar gestorben war. Sie liegt begraben auf dem Ehrenfeld für Verfolgte der NS-Herrschaft in Hamburg-Ohlsdorf, zusammen mit ihrem Mann Heinrich. Sie wurde 83 Jahre alt.

 

1 Pütt und Pann: Plattdeutsch für Töpfe und Pfannen
2 Deutsche Staatspartei, Deutschnationale Volkspartei, Deutsche Volkspartei
3 Willi Dolgner, anti-faschistischer Widerstands-Kämpfer. In der KPD-Bezirks-Leitung in Halle war Willi Dolgner für Fragen der Gewerkschafts-Arbeit verantwortlich. Im Frühjahr 1933 kam er im Auftrag der Partei in Hamburg zum Einsatz. Dort geriet er in die Gewalt der Nazis und wurde am 11. Januar 1934 ermordet.

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