Wer war Magda Langhans?

Magda Langhans-Kelm war die erste Frau, die als Vizepräsidentin in ein Präsidium der Hamburgischen Bürgerschaft gewählt wurde. Sie hat für ihre politische Überzeugung sechs Jahre im Zuchthaus gesessen, inhaftiert von den Nazis. Sie war nach dem Zweiten Weltkrieg die einzige Kommunistin in der Hamburgischen Bürgerschaft.

Ihre Neffen beschreiben Magda Langhans als energische Frau, die eine sachliche, souveräne und nachdenkliche Art hatte. Politische Weggefährten und Weggefährtinnen stellen sie als lebhafte Person dar, die sich durchzusetzen verstand und zuverlässig gewesen ist. Ein Staatsanwalt soll 1934 über sie gesagt haben: „Vor uns steht eine große Frau. Sie ist zwar sehr klein, aber dennoch groß.“

Magda Langhans‘ Reden legen Zeugnis ab von einer Frau, die sich vehement für die sozialen Belange der Bevölkerung eingesetzt hat. Sie hatte eine handfeste Art, zu argumentieren. Die WELT schrieb 1949 über Magda Langhans: „Wegen ihrer geschliffenen Formulierungen und der überzeugenden Art, sie vorzubringen, fiel sie schon vor 1933 im Hamburger Parlament auf.“ Die Historikerinnen Dr. Rita Bake und Inge Grolle berichten 1995: „Sie trat als eine der engagiertesten Rednerinnen im Plenum auf, bis infolge des Kalten Krieges die Kommunisten nicht mehr im Parlament saßen.“ Bewegend liest sich die Rede, in der Magda Langhans 1947 die Lebensbedingungen in den Nissenhütten schilderte. Noch fünf Jahre später mahnt sie während der Haushaltsberatungen an, wie unwürdig die Lebensbedingungen in diesen Armenbehausungen waren.

Hamburg unter demokratischen Gesichtspunkten wieder aufzubauen, war die historische Aufgabe der Ernannten Bürgerschaft nach dem Ende des Hitlerfaschismus. Nur gemeinsam konnte der Wiederaufbau Hamburgs gelingen. Davon zeugten die ungewöhnliche Konstellation des Senats und die Zusammensetzung der Bürgerschaft: Die SPD bildete trotz absoluter Mehrheit eine gemeinsame Regierung mit KPD und damals noch wirklich liberaler FDP, die Gewerkschaften hatten eine eigene Fraktion. Die Debatten zu dieser Zeit zeichnen sehr konkret das Bild eines zerstörten Hamburgs, einer notleidenden Bevölkerung, aber auch Zuversicht, die Stadt wieder aufzubauen – und dies unter einer britischen Militärregierung, unter dem Druck von Reparationszahlungen.

Die Themen, über die Magda Langhans sprach, waren breit gefächert: Frauen, Bildung, Kultur, Situation der Rentner und Rentnerinnen, die Sozialleistungen, der Beitritt der Bundesrepublik zum Europarat, Entnazifizierung, die Wiedergutmachung für Inhaftierte, Geschäftemacherei mit ungenießbaren Lebensmitteln. Im Tätigkeitsbericht des Hygienischen Instituts für das Jahr 1949 heißt es analog dazu: „In Krisen- und Übergangszeiten, in denen es überall an altgewohnten und durch jahrzehntelange Erfahrung erprobten Grundstoffen fehlt, versuchen skrupellose Geschäftemacher auf irgendwelche Weise Lebensmittel herzustellen, unbekümmert um geltende Rechtsvorschriften.“

Die Rolle und Wertigkeit der Frauen wurde in der Bürgerschaft immer wieder debattiert, denn ihr Anteil am Wiederaufbau der Stadt war wesentlich. Sie trugen die vierfache Last, weil sie zusätzlich zur Erwerbstätigkeit die Kinderbetreuung, Hausarbeit und Ernährung der Familie zu bewältigen hatten. Dennoch wurden sie bei der Entlohnung und bei der Lebensmittelzuteilung erheblich benachteiligt. Magda Langhans war es, die forderte, nur noch von Löhnen anstatt von Frauenlöhnen zu sprechen. Sie verlangte ein Aussetzen des Abtreibungsparagraphen, den § 218 Strafgesetzbuch. Sie kritisierte, dass die Ehe als Versorgungseinrichtung die berufliche Entwicklung von Frauen behindere. Die weiblichen Abgeordneten setzten sich fraktionsübergreifend für den Ausbau von Kindertagesheimen und Krippen ein. Die Säuglingssterblichkeit war hoch, Tuberkulose grassierte. Damals wie heute war die Situation alleinerziehender Mütter besonders dramatisch. Ebenso stritten die weiblichen Abgeordneten aber auch dafür, dass Kinder wieder Spielplätze erhalten, nicht in Schichten unterrichtet werden und mehr Süßigkeiten bekommen. Grolle und Bake resümieren: „Die Frauen in der Bürgerschaft ließen sich nicht beirren, ihr geschmähtes ,Herz‘ und ihr soziales Mitgefühl ins Plenum zu tragen, gepaart mit Sachverstand und der Fähigkeit zur themengerechten Argumentation.“

Die Reden von Magda Langhans setzten sich mit der sozialen Spaltung auseinander, mit der Ungerechtigkeit des kapitalistischen Systems. Etliche Forderungen in den Parlamentsdebatten könnten heute noch genauso vorgetragen werden, zum Beispiel zur Bildung, zur Frauenfrage, zur Linderung der sozialen Spaltung. Altmodisch aus heutiger Sicht mutet auf der anderen Seite ihre Position zur „Schmutz- und Schundliteratur“ an, womit Krimis gemeint waren.

Ihr Redestil veränderte sich ab 1949 – nachdem das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verabschiedet und die DDR gegründet worden waren. Zwischenrufe nahmen zu. Insgesamt verschärfte sich das Klima in der Bürgerschaft. Der Kalte Krieg zeigte erste Spuren.

Nach Magda Langhans gab es weiterhin Frauen im Präsidium der Bürgerschaft. Präsidentinnen aber gibt es erst seit 1987: Elisabeth Kiausch (1987, 1991-93), Helga Elstner (1987 bis 1991), Ute Pape (1993 bis 2000), Dr. Dorothee Stapelfeldt (2000 bis 2004 und 2011), Carola Veit (seit 2011), alle von der SPD.

Ihre letzte Rede in der Bürgerschaft hielt Magda Langhans 1953 zur Ausbildung in Erster Hilfe beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) für Lehrkräfte. Es ist ein kurzer Beitrag, in dem sie Vermutungen anstellt, der Abgeordnete Gerhard Schubert, Deutsche Partei, würde das DRK pushen wollen, um den Arbeiter-Samariter-Bund zu schwächen. Wie der SPD-Redner Lois Sellmer sprach sich auch Magda Langhans dagegen aus, dass das DRK als alleinige ausbildende Institution fungiert.

Magda Langhans hat ihren Anteil an der Demokratisierung und am Wiederaufbau Hamburgs geleistet. Ihre Reden werfen einen – wenn auch subjektiven, lediglich parlamentarischen und damit unvollständigen – Blick in die Nachkriegsgeschichte Hamburgs und auf die Persönlichkeit von Magda Langhans.

rose50

 

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